7. August 2026
Artikel von Sarah Bioly, Katerina Filippidou

Zuerst kommt der Mensch, dann die Technologie

Künstliche Intelligenz gilt als objektiv – doch sie basiert auf Annahmen, Werten und gesellschaftlichen Vorstellungen. Kulturwissenschaftler Miguel Gómez Hernández untersucht, wie Menschen im Alltag Maschinelles Lernen einsetzen und wie sie sich die Zukunft mit solchen Technologien vorstellen.

Menschen erzählen KI-Systemen heute Dinge, die sie früher nur engen Freunden anvertraut hätten. Auch viele Freunde und Angehörige von Miguel Gómez Hernández fragten bei persönlichen Problemen gelegentlich den Chatbot: Wie kann ich mich selbstbewusst auf eine Prüfung vorbereiten? Wie soll ich mit dem Problem eines Freundes umgehen? Sie fühlten sich von der KI verstanden. Diese Beobachtung beunruhigte Gómez und weckte sein Forschungsinteresse. Er geht der Frage nach, wie wir der Zukunft mit KI und anderen Technologien entgegensehen und wie es uns bei der Vorstellung geht, von einem Chatbot besser verstanden zu werden als von uns nahestehenden Personen.

Wenn Gómez sich zum Beispiel vorstellt, wie er altert, dann ist für ihn klar: Da sind vor allem seine Freunde und seine Familie. Neue Technologien unterstützen ihn im Alltag, helfen bei der Steuererklärung, assistieren dort, wo er es zulässt. Was sie nicht ersetzen: menschliche Nähe, Pflegende, Angehörige. Das bleibt für ihn als Anthropologen zentral.

Wann und wie kommt KI im privaten wie beruflichen Alltag zum Einsatz und wieviel Vertrauen wird ihr entgegen gebracht? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Kulturwissenschaftler Miguel Gómez Hernández. © PATRICK GERSTORFER / UNIVERSITY OF TÜBINGEN

KI-Forschung jedoch konzentriert sich oft auf die Technologie selbst, sodass die menschliche Komponente in den Hintergrund rückt. Gómez Forschungsinteresse ist hingegen anders gelagert. Er interessiert sich weniger für Algorithmen oder Technologien, sondern mehr für die Personen, die diese nutzen. „Ich will nah an den Menschen bleiben und mir anschauen, wo und wie sie KI tatsächlich einsetzen“, erklärt er. „Wollen sie die KI anwenden, vertrauen sie ihr?“

Ältere Menschen sind nicht nur eine Zahl

Diese Herangehensweise deutete sich schon während seiner Doktorarbeit an. Dort untersuchte er das Verhältnis zwischen älteren Menschen und Zukunftstechnologien – insbesondere die Frage, wie sich diese die Rolle von KI sowie weiteren Technologien in der Zukunft vorstellten und wie sich das von den Überlegungen der Entwicklerinnen und Entwickler unterschied. Sein Interesse an dieser Thematik resultierte aus folgender Beobachtung: In der Technologie-Branche betrachtet man alte Menschen als eine Zahl. Viele Unterstützungssysteme, die alten Menschen eine längere Lebenszeit zu Hause ermöglichen sollen, werden mit dem Ziel entwickelt, Risiken und Kosten für den Staat zu senken und die Pflegesysteme zu entlasten, indem sie z.B. Sturzgefahren minimieren. Alte Menschen werden instrumentalisiert, alles dreht sich um ihre Körper, nicht um das, was sie für wichtig halten. Sie sollen Übungen machen, mit Avataren reden, um sich nicht einsam zu fühlen, gesund essen – aus Gómez Sicht bevormundet die Branche die alten Menschen in vielerlei Hinsicht. „Bei jungen Menschen machen sie das nicht“, sagt er.

Miguel Gómez interessiert sich für den Alltag von älteren Menschen in einer technologisierten Welt. © PATRICK GERSTORFER / UNIVERSITY OF TÜBINGEN

Indem Gómez seinen Blick auf die Menschen richtete, deren Alltag tatsächlich von solchen Technologien geprägt wird, hoffte er einen Beitrag zu einem immer wichtiger werdenden Feld leisten zu können – erst recht in einer alternden Gesellschaft. „Mich fasziniert die Frage, wie Menschen künftig mit technologischen Entwicklungen umgehen werden“, sagt er. „Werden sie sich gegen neue Anwendungen wehren, sie anders nutzen als vorgesehen oder einfach übernehmen?“ Das sprach ihn auch am “Norms & Practices Lab” des Tübinger Exzellenzclusters „Maschinelles Lernen“ an, wo er nun aus einer kulturwissenschaftlichen Perspektive erforscht, wie sich Forschende den Einsatz von maschinellem Lernen in der Zukunft vorstellen und wie neue Technologien die Arbeitsweisen in unterschiedlichen Bereichen verändern wird (z.B. in der Medizin, in der Landwirtschaft, in der Pflege).

Forschung, Politik und Praxis zusammen denken

Dieser Fokus prägt nun sein aktuelles Forschungsprojekt. Zunächst untersucht er darin, welche Hoffnungen und Risiken Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit dem Einsatz maschinellen Lernens in der Forschung verbinden. Im Anschluss möchte er den Einsatz neuer Technologien in der Landwirtschaft betrachten – einem Feld, das in der sozialwissenschaftlichen Erforschung von KI bislang vergleichsweise wenig Beachtung gefunden hat. Landwirtschaft, so betont Gómez, besitzt eine zutiefst sinnliche Dimension: Landwirtinnen und Landwirte kommen mit dem Boden in Kontakt, fühlen die Erde unter ihren Fingern, nehmen die Temperatur wahr. Es handelt sich um eine verkörperte Praxis. Dennoch gehen die Auffassungen darüber auseinander, was Landwirtschaft eigentlich ist – eine Wissenschaft, eine Praxis oder etwas dazwischen. „Ich denke, es kann beides sein“, so Gómez. „Landwirtinnen und Landwirte praktizieren und schaffen dabei ihre eigene Wissenschaft.“

Angesichts einer alternden Gesellschaft, dem Mangel an Pflegekräften und einer zunehmend sinkenden Anzahl an Landwirtinnen und Landwirten, die die Nahrungsmittelproduktion in Europa aufrechterhalten, stehen große Herausforderungen bevor. Maschinelles Lernen wird dabei häufig als Lösung für diese Herausforderungen angepriesen; allerdings wissen wir bislang wenig darüber, welches Bild sich die Menschen von der Zukunft machen – was es deutlich erschwert, sich besser darauf vorzubereiten. Gómez möchte mit seiner Forschung auch die Politik ansprechen, zeigen, was tatsächlich vor Ort im Feld passiert, und akademische Forschung und Praxis einander annähern. Auch möchte er nicht nur Fachartikel publizieren, sondern andere Formate ausprobieren, wie z.B. eine Website für sein Projekt, um dort von seiner Feldforschung zu berichten und die Öffentlichkeit an den Gesprächen vor Ort teilhaben zu lassen. Ebenso kann er sich vorstellen, einen Workshop zu organisieren, der Menschen aus Praxis und Wissenschaft zusammenbringt. „Ich möchte an die Arbeit anderer Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftler anknüpfen, die über die klassischen Formate hinausgehen“, sagt er, „um meine Forschung zugänglicher zu machen und mehr Menschen zu erreichen.“ Mit seinem Forschungsansatz möchte Gómez auch erforschen, welche Annahmen über die Zukunft von Technologien dazu führen, dass KI-Methoden bestimmte Gruppen benachteiligt.

 

In Tübingen möchte Gómez erforschen wie KI die Arbeit in Forschung und Praxis verändert und dabei neue Methoden und Umgangsweisen zu Tage fördert. © PATRICK GERSTORFER / UNIVERSITY OF TÜBINGEN

Seit zwei Monaten lebt und arbeitet er in Tübingen. Schon jetzt ist er von der historischen Atmosphäre der Stadt begeistert, von der Nähe zur Natur, aber auch den Studierenden, die für ein lebendiges Flair sorgen. Neben ihm werden noch die Philosophin Nora Lindemann und die Juristin Ludovica Paseri zum Norms & Practices Lab dazustoßen. So entsteht eine interdisziplinäre Forschungsgruppe, die technologische, ethische und gesellschaftliche Perspektiven zusammenführt. „Ich freue mich schon sehr auf die Zusammenarbeit“, sagt Miguel Gómez Hernández: „Und ich möchte in dieser Konstellation mit meinem anthropologischen Fokus die Forschung besser mit den menschlichen Bedarfen verbinden.“

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